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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Cherbourg Seenot bei 25 Knoten


Heidesurfer
26.09.2009, 21:33
Hallo Leute, habe nicht gedacht, hier auch einmal meine Surfstory loszuwerden, aber…

Cherbourg, Normandie vor 10 Tagen. Ein großes Hafengebiet umrahmt von einer kilometerlangen Mole. Wind: 22Knoten, im den Spitzen 25. Innerhalb der Mauer ein wenig kabbelig aber ok, außerhalb peitschen 2-2,5 Meter hohe Wellen mit bedrohlicher Gischt gegen die Mole. Spannende Bedingungen. Die Mole hat zwei Öffnungen zum Meer. Wunderbares Gleiten innerhalb der Mole – selten so viel Spaß gehabt, plötzlich Schleudersturz genau auf Höhe der ersten Öffnung – 40 Meter vor der Mole – kein Problem denke ich noch, der Wind kommt schließlich genau von Richtung der Mole. Hätte ich den Windsurfing Guide Europe richtig gelesen, dann hätte ich wohl die Stelle „Vorsicht vor Strömung bei den Öffnungen zum Meer“ besser im Bewusstsein und den Schleudersturz ein paar Meter weiter gehabt.

Gerade in diesem Moment werden die Böhen so richtig heftig - erster Wasserstartversuch schlägt fehl und schon treibt es mich schnell gegen den Wind genau durch die Öffnung zum Meer – 300 Meter vom Strand entfernt. Plötzlich nur noch 2 – 2,50 Meter hohe Wellen um mich rum. Die Strömung treibt mich schnell 40 Meter von der Mole weg ins Meer. Wasserstart bei der Wellenhöhe – für mich als Mittelklassesurfer völlig illusorisch, nach 6 Versuchen und einer gefühlten Ewigkeit gebe ich auf, setze mich aufs Board, denke, o.k. jetzt mal ruhig bleiben, ein bisschen zum Strand winken, und irgendwas wird dann schon passieren – in Wahrheit ist mir doch mehr als mulmig.
Schon hat mich eine neue Strömung erwischt, die mich 10 Meter weiter direkt wieder auf die Hafenmole zutreibt mitten in die Waschmaschine mit den hohen Wellen, die gegen die Mole peitschen. Mal Gut, dass du Auftriebsweste und Helm an- und aufhast – mir wird immer mulmiger. 4 Meter vor der Mole verlasse ich das Board, schwimme Richtung Mole und hoffe, dass ich irgendeine Welle erwische, die mich da rauf spült – besser als mit samt Material dagegen geschleudert zu werden – denke ich noch. Und Glück Nr. 1 – die Welle kommt und ich habe ein paar Kletterübungen später wieder festen Boden unter den Füssen. Das Material schreibe ich ab –Hauptsache mir ist nix passiert - ein letzter Blick auf 2.000 €, die sich langsam aber beständig mit den hohen Wellen in Richtung Mole bewegen und die Minuten später Bekanntschaft mit harten Stein machen werden.

Ich laufe 100 Meter Mole Richtung Strand – und plötzlich auf halben Weg mitten aus der Gischt taucht einer der Locals auf: „Bist du o.k.? Soll ich dir dein Material rausholen?“ Ich glaub es nicht, ein Verrückter - wie will der denn bitte in diese Waschmaschine rein? Ich bin zu fertig, um da noch zu reagieren. Wir gehen zurück zur meinem treibenden Material. Er fragt noch, ob das Material in Ordnung sei, und schon klettert er die Mole runter mitten in die Wellen, schwimmt zu meinem Board als ob er im Schwimmbad wäre, legt einen lehrbuchmäßigen Wasserstart inmitten dieser Brandung hin und fährt mein Zeug an den Strand, als ob es 4 bft hätte. Ich bin so ehrfürchtig, dass ich ihm später nur noch danken kann. Ich biete ihm sogar Geld an, schließlich hat er mir gerade eine Neuanschaffung erspart. Er lehnt strikt ab „Irgendwann komme ich auch mal in eine solche Situation, dann kriege ich auch Hilfe“.

Fazit der Geschichte:
- Helm und Auftriebsweste sind bei manchen Bedingungen echt nicht schlecht.
- „The Kite and Windsurfing Guide Europe“ ist super, man sollte ihn aber auch richtig lesen
- Vor der Selbstüberschätzung sollte man sich besser über die örtlichen Bedingungen informieren
- Das Meer ist kein Spaßbad

Dieser unbekannte Local, der mein Zeug gerettet hat und alle erfahrenen Surfer, die Mittelklassesurfern schon einmal so geholfen haben, verdienen den höchsten Respekt!
Hang Loose et merci beaucoup!

Windpirat
26.09.2009, 21:49
krasse story, glück gehabt. hätte auch ganz anders ausgehen können...
wollte mir heute auch ein helm kaufen aber die XXL wollte einfach nicht auf meinen Kopf passen.

Journey
26.09.2009, 22:44
Servus Heidesurfer,
da hast Du ja ganz schönes Glück gehabt.
Ich habe auch schon ganz tolle Erfahrung mit der Hilfsbereitschaft von Windsurfern gemacht, einer hat mir, als ich ins Krankenhaus musste, das Auto mitsamt Ausrüstung 35km nach Hause gefahren (seine Ehefrau musste natürlich hinterherfahren) obwohl er mich erst unmittelbar nach meinem Unfall kennengelernt hat.
Das ganze hätte bei Dir natürlich übel ausgehen können und ich werde mich jetzt mal ernsthaft mit dem Thema Helm auseinandersetzen (Weste hab ich).

Weiterhin soviel Glück und immer viel Wind

Journey

Hollandsurfer
28.09.2009, 11:39
ein Lob dem unbekannten Local! Seit meiner Heliaktion vor Maasvlaakte achte ich auch immer verstärkt auf andere Surfer, speziell wenn mir auffällt das mal einer länger schwimmt, surf ich hin frage kurz nach ob ein Problem vorliegt, soviel Englisch sprechen alle das Sie verstehen ob man Hilfe anbietet.
Wie der Local schon sagte, irgendwann ist man froh das man auch mal Hilfe bekommt. Vor dem Meer sind wir alle gleich, egal ob Wellencrack, Freestyler oder Racer, zur (in) Not sogar die Kiter:rolleyes:


Gruß

Michi